Mythen, Legenden & Sagen
Ein Traum aus Federn und Licht
Lange bevor die ersten Ilkyar am Himmel Somniums kreisten, gab es einen Jungen, der höher und weiter fliegen wollte als jeder Vogel. Sein Name war Ikaros. Doch Ikaros war kein gewöhnlicher Junge. Seine Träume waren so lebendig, wie sie nur sein konnten, und jedes Mal, wenn er davon träumte, zu fliegen, konnte er die warme Sonne auf seiner Haut spüren und das Lachen Helios' in seinen Ohren hören.
Ikaros' Vater, Daidalos, war zu dieser Zeit ein berühmter Erfinder, einer jener Männer, von denen man glaubte, dass Hephaistos sie gesegnet habe. Seine Erfindungen waren nicht nur bekannt, sondern auch begehrt, so begehrt, dass viele sie besitzen wollten. Mit diesen Erfindungen verdiente er seinen Lebensunterhalt, denn seine Frau war bei der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes verstorben.
Doch leider waren es wohl auch diese Erfindungen, die Daidalos und Ikaros in ernsthafte Gefahr bringen sollten. Ikaros war noch ein Kind, nicht älter als zehn oder elf Jahre, als man ihn und seinen Vater entführte. Man brachte sie zu einer Insel weit draußen im Meer, so weit entfernt, dass sie zwar das Festland am Horizont erahnen konnten, es aber niemals schwimmend erreichen würden.
Die Insel war nicht groß, doch der Platz reichte für die kleine Familie: für ein kleines Haus mit einer Werkstatt, einen Stall, in dem sie Ziegen halten konnten, und ja, auch Hühner gab es auf dieser kleinen Insel. Nur Bäume gab es dort nicht, zumindest nicht genug, um ein Boot oder gar ein Floß bauen zu können. Man hatte diese kleine Insel wohl nicht zufällig ausgewählt, um Daidalos und Ikaros dort zurückzulassen.
Lange Zeit war diese Insel das Einzige, das Ikaros als Zuhause kannte. Andere Sterbliche kannte er, abgesehen von seinem Vater und den wenigen Männern, die Daidalos und ihm alle vierzehn Tage frische Vorräte brachten, nicht. Doch trotz seiner Gefangenschaft auf der Insel fühlte sich der Junge selten wirklich einsam. Er freundete sich sogar mit den Möwen an, die in den Felsklippen der Insel nisteten.
Ikaros war nicht dumm, im Gegenteil, er war ausgesprochen klug und neugierig. Aber er war auch ein Tagträumer, und das in einer Zeit, in der sich die Sterblichen noch nicht vollständig bewusst waren, wie sehr Träume die Realität in Somnium formen können.
Die Jahre auf der Insel verliefen ruhig, zu ruhig für den Geschmack des jungen Ikaros, der sich mit jedem Tag, an dem er die Möwen beobachtete, mehr nach Freiheit sehnte. Zu ruhig für einen Jungen, der gerade an der Schwelle zum Mann stand. Zu ruhig für jemanden, der gehen wollte, wann und wohin er wollte.
Daidalos' Haare, früher voll und dunkel, verloren ihre Farbe und wurden dünner, doch nicht einen Tag lang verlor er seinen Erfindergeist. Niemand weiß, wie oft er in dieser Zeit Hephaistos um Hilfe anrief, doch der Gott antwortete nie. Untätig blieb der Erfinder dennoch nicht. Er sammelte Federn und Wachs, nutzte Materialien, die nicht auffielen, und arbeitete in einer Ecke der Werkstatt, die niemals kontrolliert wurde. Und so baute er jahrelang an zwei Paar Flügeln, einem für seinen Sohn und einem für sich selbst.
Doch es dauerte Jahre, heimlich Flügel zu bauen, und so war Ikaros bereits ein junger Mann, als sein Vater sie endlich fertigstellte. Diese Flügel waren wunderschön, weiß und groß, definitiv stark genug, um einen jungen Mann und auch seinen Vater in die ersehnte Freiheit zu tragen.
Tage und Nächte vergingen. Am Tage gingen Vater und Sohn ihrem Tagwerk nach. Daidalos baute für die Männer, die sie einst gefangen genommen hatten, während Ikaros weiterhin die Möwen beobachtete oder sich in luftige Höhen träumte. Und mit jedem Traum wurde Helios' Lachen in seinen Ohren lauter. Nachts übten sich beide im Fliegen, zunächst nur auf kurzen Strecken über der Insel oder in Küstennähe. Sie blieben stets nahe genug am Ufer, um bei Komplikationen sicher landen zu können. Jeder Flug brachte neue Erkenntnisse und veranlasste Daidalos dazu, die Flügel weiter zu verfeinern, während Ikaros unbewusst damit begann, seine Träume zwischen die Federn zu weben.
Im Gegensatz zu Wachs und Federn wogen Träume nichts. So waren es Ikaros' Träume, die die Flügel mit jeder Nacht leichter, wendiger und beweglicher machten. Und jeder Traum, jede Erinnerung an das Lachen des Sonnengottes, schien seine Flügel noch mehr zum Leuchten zu bringen.
Ikaros war jung, kein Kind mehr, aber noch immer nicht ganz ein Mann, vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahre alt, als Vater und Sohn beschlossen, dass sie bereit waren. Es war eine gemeinsame Entscheidung, die sie über mehrere Nächte hinweg getroffen hatten, und so bereiteten die beiden ihre Flucht vor.
Es war früher Morgen. Die Morgenröte, Eos, zog über den Himmel und ließ sich lachend von ihrem Bruder Helios jagen, als Daidalos und Ikaros auf den Klippen der Insel standen, jeder mit einem Paar Flügel auf dem Rücken, und sich in die Tiefe stürzten.
Beide folgten einigen Möwen, die dasselbe taten, ließen sich von den Luftströmungen tragen und breiteten dort ihre Flügel aus. Lange bevor ihre Füße das Meer berührten, spürten sie den Aufwind unter ihren Flügeln und wurden emporgehoben, dem Himmel und der Sonne entgegen.
Möwen begleiteten sie, führten sie sogar, und alles schien gut zu gehen. Die Flügel waren leichter, als beide es in Erinnerung hatten, stärker, als sie gedacht hatten, und würden sie wohl ohne große Schwierigkeiten zum Festland und in die Freiheit tragen.
Doch dann war da Helios' Lachen und ein junger Mann, dessen Blick voller Sehnsucht den Wagen des Sonnengottes suchte. Es brauchte nicht mehr, um in Ikaros das Gefühl zu wecken, dass ihm das Festland nicht reichen würde. Denn frei war er nur hier am Himmel, nur dann, wenn er Helios bei seinem Tagewerk begleiten und die Welt sehen könnte.
Ein Herzschlag, ein Atemzug und Ikaros' Entscheidung fiel.
Seine Flugbahn änderte sich. Das sanfte Leuchten seiner Flügel, in die seine Träume verwoben waren, begann stärker zu strahlen, und seine Flügel schlugen schneller und kräftiger, während er immer weiter hinaufstieg. So weit, dass er das besorgte Rufen Daidalos' nicht hörte.
Sein Vater hatte ihn gewarnt, Helios nicht zu nahe zu kommen. Das Wachs würde schmelzen, die Federn würden sich lösen, und das würde den sicheren Tod bedeuten. Doch diese Warnung hatte der junge Mann längst vergessen.
Helios bemerkte durchaus den jungen Mann, der mit jedem Flügelschlag seinem Wagen näher kam, und lachte nur noch lauter. Er dachte, Ikaros würde die Gefahr erkennen und umkehren. Aber dem war nicht so.
Als der Gott schließlich erkannte, dass Ikaros nicht umkehren würde, streckte er erschrocken die Hand aus, ganz so, als wollte er nach ihm greifen. Doch Helios durfte mit seinem Wagen niemals seine Laufbahn verlassen, und so musste er zusehen, wie das Wachs langsam schmolz und zunächst eine, dann immer mehr Federn zu Boden fielen. Nur Ikaros' leuchtende Träume hielten die Flügel noch zusammen. Ein letzter Moment, in dem sich die Finger von Gott und Sterblichem beinahe berührten.
Doch dann gaben die Flügel endgültig nach und Ikaros stürzte in die Tiefe. Legenden erzählen, dass man noch immer manchmal den entsetzten, trauernden Schrei Daidalos' hören kann, wenn man über das Meer segelt.
Helios jedoch handelte, ohne nachzudenken. Er würde den Körper des Sterblichen nicht retten können, doch dessen Seele, seine Träume und seinen Wunsch nach Freiheit konnte er bewahren. Aus Sonnenlicht formte er die Gestalt eines wunderschönen Vogels, dessen Flügel groß und stark genug waren, um den Gott auf seinen Reisen zu begleiten. Dann, nur einen Herzschlag bevor Ikaros' sterblicher Körper auf den Wellen zerschellte, befreite er dessen leuchtende Seele von ihrer sterblichen Hülle und vereinte sie mit dem noch unbeseelten Körper des Vogels.
Das Federkleid der Ilkyar leuchtet sanft, als würden sie einen Teil der Sonne in sich tragen. Doch vielleicht stammt dieses Leuchten auch daher, dass es Ikaros' Träume waren, die so hell strahlten.
Noch immer, so heißt es, kann man Helios in Begleitung des ersten und einzigen unsterblichen Ilykars sehen. Längst verbindet die beiden eine enge Freundschaft.
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